Podiumsdiskussion: Was sind (uns) Archive wert?

Allgemein

Zum Auftakt der fachlichen Diskussion des 22. Sächsischen Archivtags am 4. Mai 2017 nehmen auf dem Podium Platz:

  • Roland Jahn (Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen)
  • Dr. Andrea Wettmann (Leiterin des Sächsischen Staatsarchivs)
  • Christian Schramm (Präsident des Sächsischen Kultursenats, ehem. OB der Stadt Bautzen)
  • Hanka Kliese (SPD, Mitglied des Sächsischen Landtags)
  • Aline Fiedler (CDU, Mitglied des Sächsischen Landtags)

    Roland Jahn, Dr. Andrea Wettmann, Christian Schramm, Oliver Reinhardt, Hanka Kliese, Aline Fiedler (v.l.n.r.), Foto: BStU

Moderiert wird von Oliver Reinhard (Historiker, stellv. Feuilleton-Chef der Sächsischen Zeitung) unter der Leitfrage: „Was sind (uns) Archive wert?“

„Archive im Umbruch“ – mit dem Motto des Archivtags angesprochen ist u. a. die zunehmende Digitalisierung. Was hat sich geändert und was wird noch kommen? Doch zunächst steht das Aufräumen von Klischees auf der Agenda, hier das Podiumsgespräch in verdichteter Form:

Oliver Reinhard: Warum sind Archive so unbekannt? Ist dies vielleicht auch selbst mit verschuldet? Fehlt eine Lobby? Haben Archive ein Imageproblem? Kleine Umfrage im Bekanntenkreis förderte Assoziationen zutage wie verstaubte Kellerregale, Gesundheitssandalen und milde lächelndes Personal, ergraut und mit weißen Handschuhen…

Laut Dr. Andrea Wettmann habe jede Berufsgruppe mit gewissen Vorurteilen zu kämpfen. Eine Lobby in Verwaltung und Politik ist vorhanden. Das Sächsische Staatsarchiv beispielsweise sieht sich vom Freistaat gut unterstützt (Archivbauten!). Damit Archive bekannter werden, muss Archivgut zugänglich, also auffindbar und nutzbar gemacht werden. Ein notwendiger Schritt dafür ist die Onlinestellung von Findmitteln, so dass auch die „Generation Google“  bzw. der potentielle Nutzer ohne Archivvorkenntnisse fündig wird.

Roland Jahn setzt nach mit dem Hinweis auf das allseits bekannte Vorurteil: „Ist es erst im Archiv, dann ist es weg!“ Es fehle an Vermittlung, Bewusstsein, Verankerung in der Gesellschaft dahingehend, was Archive leisten und über welche Schätze sie verfügen. Gerade jungen Leuten müssen Archive als Lernorte näher gebracht werden, so über Schule und Studium. Positive Beispiele aus seiner Institution sind da z. B. die neu aufgebaute Stasi-Mediathek, die neben AV-Material auch eine semantische Suche bietet. Das geht über die einfache Bereitstellung von Onlinefindmitteln hinaus und spricht durch die Themenauswahl auch gezielt junge Menschen an. So findet man z. B. auch Udo Lindenbergs Konzert von 1983 wieder. [Anm.: Schön für einstige Konzertbesucher und heutige Fans!] – Auch ein Twitter-Projekt über „25 Jahre Mauerfall“ wurde gut angenommen. – Jahn wies darauf hin, wie wichtig professionelle Öffentlichkeitsarbeit ist und nannte als – verbesserungswürdiges – Beispiel den Programmflyer zum Archivtag: Was haben die vielen Fotos von Gebäuden auf zu bedeuten? Sind wir hier auf einem Immobilienkongress? Archive sollten anders präsentiert werden!

Reinhard: Altmodische Bilder und die Realität – die Archivpädagogen im Staatsarchiv wurden abgezogen, die Öffentlichkeitsarbeit ist nicht auf aktuellem Stand. Was können Archive für Kulturgut bei Bürgermeister, Kultursenat und Co. unternehmen, um aber auch nicht zu nerven?

Christian Schramm: „Warum nicht mal nerven, wenn es nützt?“. Vielen ist zum Beispiel das Sächsische Archivgesetz nicht bekannt. Das Kommunalarchiv ist – so seine Erfahrung als Oberbürgermeister in Bautzen – das „Gehirn der Gemeinde“. In der Kommune ist es die Schaltstelle. Zunächst muss erst einmal die Basis stimmen, also das Bewusstsein für Archive und ihre Aufgaben sowohl beim Träger als auch bei der „Kundschaft“ geschaffen werden! Daneben sind natürlich Personal und Ausstattung (Raum, Technik) gefragt. Und es müsste mehr Kooperationen – wie mit dem Archivverbund in Bautzen realisiert – geben. Wie kann sich Gehör bei Kommunalpolitikern verschafft werden? (Potentielle) Nutzer und Öffentlichkeit sind zu erreichen durch Werbung, Veranstaltungen (auch zusammen mit Kommunalen Spitzenverbänden), Vorträge. Schließlich hat doch jede/r „Schätze und eine Lebensbeziehung zu Archiven“.

Reinhard: Nicht nur durch Digitalisierung steigt die Anzahl der Aufgaben bei gleichzeitiger Personalknappheit und -reduktion. Frage an die Politik: Welche Unterstützung seitens der Archive benötigen Sie, um sich z. B. für Kulturgut bei der Budgetverteilung einsetzen zu können?

Aline Fiedler: Informationen! Wir brauchen Input für Haushaltsabwägungen. Als positives Beispiel sei hier das Audiovisuelle Erbe Sachsens erwähnt. Dabei geht um AV-Material in öffentlichen Archiven, z. B. zum Wiederaufbau des Dresdner Stadtschlosses oder zum Kulturpalast. Andererseits besteht für Landtagsabgeordnete aber auch eine Informationsflut. Um durchzudringen und Schwerpunkte zu setzen, sind neben Informationen auch „Bilder“ wichtig – Anknüpfungspunkte, Verbindungen zu den Interessen und Bedürfnissen der Bürger.

Reinhard lenkt den Fokus auf die Erhaltung digitalen Kulturguts: Datenverlust droht! CDs sind wohl nicht der geeignete Speicherort.

Hanka Kliese: Digitalisierung und elektronische Archivierung erfordert Finanzmittel und Fachkräfte! Einerseits ist Schnelligkeit und Verfügbarkeit gefragt, aber darüber hinaus sollte man die Freude, etwas im Archiv vor Ort zu entdecken, nicht vergessen! Die Vorfreude auf Funde im Archiv – das sei ein wenig wie früher, wenn man Fotos im Urlaub geknippst hatte und erst nach Tagen die Bilder in der Hand halten konnte, um dann festzustellen, dass die Oma bei dem einen Bild doch die Augen gerade zusammengekniffen hat. Die Haptik der originalen Quellen – der klassische Weg der Archivbenutzung hat doch immer wieder etwas Schönes und Verbindendes. Aber zurück: Ein positives Beispiel für Lobbyarbeit seitens des Archivs? Die Bewerbung von Chemnitz zur Kulturhauptstadt Europas 2025 und die Beteiligung des Stadtarchivs an diesem Prozess! Für aktuell und grundsätzlich relevant als Anknüpfungspunkte für Archive halte sie einerseits kulturelle Bildungsarbeit (Schule) und andererseits die Entwicklung einer demokratischen Kultur. Bei der heutigen wachsenden Unzufriedenheit sollte öfters mal ein Blick in die Vergangenheit geworfen und verglichen werden. Wo liegen da die Unterschiede? Zum Beispiel Pressearbeit und -freiheit in DDR und wie sieht es heute aus? Archive können hier durch Information über frühere Zustände an der demokratischen Kultur mitwirken.

Reinhard: Also in Zeiten, in denen „postfaktisch“ ein Schlagwort ist, Kontroversen durch Emotionen aufgeladen sind, Dringlichkeit gefühlt überall besteht, kann da durch Archive „nachkontrolliert“ werden?

Fiedler: Die Digitalisierung sei jedenfalls eine positive Möglichkeit für Archive, an die Öffentlichkeit heranzutreten. Unter Beachtung des Urhebergesetzes sollten Archive so Material wie möglich ins Netz stellen und so Schätze zeigen, die für Aha-Effekte sorgen! Wichtig ist allerdings auch, dass Archive Ansprechpartner auch für die Politik benennen.

Reinhardt hakt nach: Kommen denn Anfragen aus den Archiven an die Politik?

Fiedler: Ich erhalte jedenfalls oft Veranstaltungshinweise. Zum Beispiel aus Dresden. Aber sonst? Ab jetzt werden es vielleicht mehr? [Mit einem Zwinkern]

Kiese: Genervt von Archiven? Im Gegenteil. Sie sind eher bescheiden, da gebe es viel Understatement! Bitte mal unterstreichen: Die Zugänglichkeit und Offenheit der Archive in Deutschland sei doch ein ganz großer Schatz! Die Friedliche Revolution 1989/90 und das Zugänglichmachen und Aufarbeiten von dieser Art Unterlagen seit weltweit einzigartig!

Reinhard schwenkt um und fragt konkret nach zum Sächsischen Staatsarchiv: Fühlen Sie sich als Staatsarchiv im Freistaat wohl, Frau Dr. Wettmann?

Wettmann: Der Freistaat schätzt sein Staatsarchiv. Es sei an allen Standorten sehr gute untergebracht und habe ein gutes Image beim Archivträger, Stichworte auch: Elektronische Archivierung, Onlinefindmittel, modernste Technik in den Lesesälen. Wir benötigen aber mehr Öffentlichkeitsarbeit, um vermehrt junge Nutzer anzusprechen. Dabei dürfen wir jedoch die Kernaufgaben wie Überlieferungsbildung und Bestandserhaltung nicht aus dem Blick verlieren. Natürlich muss auch vermittelt werden. Grundlegend kann aber nicht jeder alles machen, heißt, wir müssen Schnittstellen nutzen und eigene Kompetenzen stärken: Archive bewahren Unikate, wodurch sie sich von Bibliotheken klar unterscheiden. Stete Aufgabe bleibt die Aufgabenoptimierung und die Gewinnung von neuem Personal, jungem Personal…

Reinhardt: Wie steht es um junges Personal bei der BStU? Es müssten doch viele junge Leute beim Aufbau der Behörde eingestellt worden sein.

Jahn: Trugschluss. Damals wurde Personal für eine zeitlich begrenzte Behörde eingestellt – also älteres Personal. Dass noch heute pro Monat 5000 Anträge auf Akteneinsicht gestellt werden, hätte damals keiner gedacht. Daher muss weiterhin junges Personal geworben werden. Außerdem ist Austausch und Kooperation wichtig.
Auch nochmal zum Wert der Archive: Der persönliche Bezug jedes Einzelnen sollte deutlicher gemacht werden. Auch wieder über Bilder. Wie sah z. B. das Stadtbild vor 30 Jahren aus? Im Archiv finden Sie die Antwort. Bloß muss in aller Informationsflut auch etwas wieder aufgefunden werden können und es darf nicht das Falsche vernichtet werden…

Wettmann: Wer entscheidet darüber, was übernommen wird? Per Archivgesetz die Facharchivare. – Und ja, Fotos ins Netz, um Interesse zu wecken und neue Nutzergruppen zu gewinnen. Und um die Informationsflut in Google-Zeiten beherrschen zu können und authentische Informationen zu finden, bedarf es einer geeigneten Suchstrategie. Diese Methoden- und Medienkompetenz kann im Archiv gelernt werden. Ist die mittelalterliche Urkunde auch wirklich echt? Ist der vorliegende Entwurf des Behördenschreibens tatsächlich als Reinschrift herausgegangen und welche Wirkungen gab es? All das gehört auch zur Quellenkritik, die im Archiv vermittelt wird. Aber dafür sind Archivpädagogen, und damit Fachpersonal, gefragt, denn Archivare sind keine Lehrer. Archive sollten als außerschulische Lernorte genutzt werden. [Anm.: Archivprojekte auf dem Sächsischen Bildungsserver]

Reinhardt: Kooperation, Synergieeffekt, Herr Schramm: Also mehr Archivverbünde wie in Pirna und Bautzen?

Schramm: Zusammenschlüsse wie diese sind positive Beispiele. Aber Pädagogen einzustellen, funktioniert bei so kleinen Archiven im Einzelnen nicht. Logisch, aber auch problematisch ist, dass gerade jüngere Bürger Digitales erwarten. Digitalisierung ist aber auch als „Demokratisierungsprozess von Beständen“ zu sehen. Und ein gutes, funktionierendes Archiv ist Ausweis der Demokratie. Digitalisierung ist wichtig und richtig. Also halten wir fest: Archive im Umbruch statt im Zusammenbruch!

Roland Jahn und Dr. Andrea Wettmann, Foto: BStU

Reinhardt Und trotzdem gibt es noch Archive ohne Kontaktdaten im Internet! Eine schlichte Website sollte doch für jedes Archiv machbar sein.

Wettmann: Wir laufen Gefahr, ein Zwei-Klassen-Archivwesen zu bekommen und dass dadurch kleinere, nicht so leistungsfähige Archive abgehängt werden. Durch Zusammenschlüsse können Defizite abgefangen werden. Die Digitalisierung ist jedoch kein „Allheilmittel“. In der historisch-wissenschaftlichen Community (hier Deutscher Historikerverband) wurden Stimmen laut, dass Nutzer – Geschichtsstudierende – teilweise überfordert sind, wenn sie mit online gestellten Digitalisaten arbeiten wollen, weil sie die alten Schriften gar nicht lesen können und ratlos am Bildschirm sitzen. Es gilt also, methodische Zugänge zu Archivgut zu lehren und zu lernen. Archivgut einfach zu digitalisieren und loszulassen, sprich ins Netz zu stellen, führt sonst ins Leere.

Reinhard: Themenwechsel: Wie ärgerlich ist es eigentlich, dass die Archive im Koalitionsvertrag 2014 vergessen wurden?

Fiedler: Zwar stehen die Archive nicht direkt im Koalitionsvertrag, aber immerhin mittelbar durch das Audiovisuelle Erbe. Aktuell ist die kulturelle Bildung ein intensives Diskussionsthema im Landtag – hier gehören die Archive mit hinein.

Reinhard: Ist das Archivwesen zwischen zwei Tische gefallen? Also zwischen Inneres und Kultur? Wäre das Archiv nicht besser im Ministerium für Wissenschaft und Kunst statt im Innenministerium aufgehoben?

Kliese: Archive wie auch Sport und Polizei sind im SMI verortet. Andere Bundesländer haben eine andere Ressortaufteilung. Wichtig ist vor allem, dass die Finanzausstattung stimmt.

Jahn wirft die Stichworte „Kultur des Erinnerns“ und „Gedenkstättenkultur“ in den Raum.

Kliese: Auch die BStU-Außenstellen haben durch Erinnerungskultur in der Kulturpolitik an Gewicht gewonnen. Und das ist wichtig! Auch der Freistaat hat durch eine Gesetzesnovellierung den Landesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen vom Justizministerium gelöst und zentral beim Landtagspräsidenten angesiedelt. Querschnittsaufgaben und mehr als – wie zu Beginn – rechtliche Fragen stehen auf seinem Programm.

Fiedler spricht sich ebenfalls für Schnittstellen aus und betont noch einmal die Wichtigkeit von Kultur und Bildung/ Schule, für die eine Finanzierung sicher sein muss.

Reinhard: Schnittstellen ja, aber es gibt auch Hemmnisse und Schwellen. Wo genau liegen die bei der Digitalisierung, Stichwort Aufnahme der Archive ins Landesdigitalisierungsprogramm.

Fiedler: Zwar sind über 2 Mio. Euro für das Landesdigitalisierungsprogramm bewilligt, aber grundsätzlich steht bei einem Aufgabenzuwachs (durch Hereinnahme der Archive) nicht automatisch auch mehr Geld zur Verfügung.

Reinhardt: Es gibt steten Aufgabenzuwachs und auch der Platz in den Magazinen wird knapp oder fehlt gänzlich. Wie steht es um Raum in Wermsdorf? Im dortigen Schloss Hubertusburg befindet sich u. a. das Archivzentrum (AZH) des Staatsarchivs.

Wettmann: Das AZH ist kein Archivmagazin, es ist ein Restaurierungszentrum und verfügt über Spezialmagazine z. B. für audiovisuelles Archivgut des Freistaates. Das Staatsarchiv hat den Auftrag, beratend zur Seite zu stehen, aber nicht das Archivgut anderer Archive wegen dortigem Platzmangel zu archivieren. Die Stadt Köln hat nach dem Einsturz ihres Historischen Stadtarchivs Bergungsgut in Räumlichkeiten des AZH gelagert, aber es hat die Räumlichkeiten angemietet und stellt eigenes Personal. Das Staatsarchiv unterstützt gerne bei Strategiegesprächen beispielsweise für Kooperationsmodelle. Auch innerhalb des Freistaats werden Schnittstellen genutzt, z. B. zum technischen Betrieb des Elektronischen Staatsarchivs die Kompetenz des Staatsbetriebs SID. Und ja, Kooperationen mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen wie der SLUB [Anm.: Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek Dresden] sind anzustreben.

Reinhardt: Es gibt große Unterschiede zwischen den städtischen Ballungszentren und den ländlichen Gebieten, z. B. ein Gefälle beim Breitbandausbau. Da kommt noch viel Arbeit auf uns zu…

Schramm: Man kann praktische Schritte unternehmen, z. B. die kommunale Spitzenverbände einbeziehen und dort auch Nöte, Sorgen, aber auch positive Beispiele kommunizieren. Das heutige Gespräch ist ein Ansatzpunkt für nächste Schritte, so ist zu überlegen, ob der Sächsische Kultursenat die Archive als Thema aufnimmt und Empfehlungen formuliert.

Reinhardt: Zu guter Letzt noch einmal eine Frage an die beiden Landtagsabgeordneten: Haben Sie noch Bitten oder Wünsche?

Kliese plädiert nochmals für Kooperationen mit Schulen. Das Archiv sollte als Informationsstätte und außerschulischer Lernort nicht im Ausnahme-, sondern regelmäßig einbezogen und kennengelernt werden. Quellenkritik an Primärquellen vor Ort lernen! Das Archiv muss sichtbarer werden, stärkerer Teil des demokratischen Prozesses werden. „Die Vergangenheit ist ein Zukunftsthema!“ Man muss nur aus dem Fundus schöpfen (können).

Fiedler: Chancen der Digitalisierung nutzen! Bedarfe anzeigen, „Fantasie wecken, was NOCH geht!“, Strategien für Kulturgut entwickeln! Wir Politiker sind keine Experten in Sachen Archiv, aber wir können dabei helfen, neue Projekte in die Wege zu leiten.

Reinhardt eröffnet die offene Diskussion mit dem Auditorium.

Eine Teilnehmerin wies auf einen kürzlich stattgefundenen Kultur-Hackathon hin. Dabei stellten sich Kultureinrichtungen innerhalb weniger Minuten einem gemischten Publikum (Wirtschaft, potentielle Nutzer, Schüler…) vor. Ergebnis waren neue Produkte aus Digitalisaten. So wurden beispielsweise auch aus „langweiligsten“ Quellen spannende Produkte.

Dr. Lienert, TU Dresden, Universitätsarchiv: Problem zwischen Arbeitsanfall durch Kernaufgaben (Erfassung, Erschließung) und Beratungsfunktion, welches durch Personalknappheit nicht zu stemmen ist. Bei Kultur wird immer zuerst finanziell gekürzt.

Kliese dankt für das explizite Beispiel und berichtet von ihrem Besuch im Staatsarchiv Chemnitz, bei dem sie sich auch ein Bild von Erschließungsrückständen gemacht hat. Einsparungen sind im Kulturbereich auf Landesebene in den letzten Jahren nicht generell erfolgt, aber es besteht nach wie vor das Problem, sich stets behaupten zu müssen.  Kultur muss ggf. anders betrachtet werden, und zwar dahingehend, dass sie ein wachsender Wirtschaftssektor ist.

Reinhard: Für Archive ist der Bedarf an mehr Personal jedenfalls schwer durchzusetzen, wenn man mit mehr Bedarf an Polizeikräften konkurriert.

Sieber, Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden: Wie können originär digitale Unterlagen gesichert werden und kann durch digitale Archivierung mehr Archivgut übernommen werden?

Wettmann: Die Überlieferungsquote ist nicht fest definiert. Sie generiert sich aus archivfachlichen Prinzipien. Durch Digitalisierung ändert sich diese Quote nicht, auch wenn die Illusion des größeren, einfacheren Speicherplatzes besteht. Im Staatsarchiv werden z. B. 1-2% der angebotenen Unterlagen übernommen und archiviert. Zur Sicherung der Authentizität von digitalen Unterlagen werden fachliche, organisatorische und technische Prozesse gebündelt. Es ist mehr als das bloße Speichern von Daten. Archivgut wird z. B. mit Metadaten angereichert, um zu dokumentieren, wer wann was erstellt und verändert hat. Veränderungen werden dabei nicht am Inhalt des Objektes durchgeführt, aber z. B. werden gefährdete Formate ausgetauscht. Für diese Aufgabe bedarf es Fachpersonal, worunter auch, aber nicht nur Informatiker. Die Arbeit im Archivwesen ändert sich also auch dahingehend.

Grit Richter-Laugwitz, Vorsitzende des Landesverbandes abschließend: Archive müssen mutiger werden. Kleinere Archive sind gefährdet, abgehängt zu werden. Bei der Archivberatung ist u. a. auch der Landesverband Sachsen im VdA ehrenamtlich tätig. Netzwerke und Strukturen müssen weiter entwickelt und Angebote der Politik abgenommen werden! [Applaus]

Reinhard ans Plenum: Gehen Sie auch auf die Zeitungen und andere Medien zu! Historische Themen sind gerade für regionale Medien von hohem Interesse. Gegenüber den Medien offensiver auftreten!

Die Podiumsdiskussion endet nach fast 2 Stunden.

Fazit der Berichterstatterin: Digitalisierung ist gut und notwendig, weil sie erwartet wird und Nutzen bringt. Jedoch besteht die Gefahr, in einer Zwei-Klassen-Archivlandschaft zu enden bzw. dass nicht so leistungsfähige Archive abgehängt werden. Kooperationen und Synergieeffekte, Kommunikation und Austausch sind gefragt. Zudem ist Vorsicht geboten in Zeiten von Fake-News, Flüchtigkeit und Informationsflut. Informationen sollten schnell und überall verfügbar sein (Generation Google, Smartphones), aber gleichzeitig muss auch Medienkompetenz vermittelt werden, damit die „richtigen“ und authentische Informationen an den Nutzer gelangen. Archive können und müssen hier ansetzen, nicht zuletzt, um auch zu zeigen, welch einmaligen Schatz sie hüten. Und jede/r hat seine persönliche Beziehung zu Archiven und sei es eben ein Udo Lindenberg-Konzert vor Jahrzehnten. Mehr solcher Aha-Effekte!

Anm. der Redaktion: Der Bericht strebte eine korrekte Wiedergabe der Aussagen der beteiligten Diskutanten an. Sollten Diskussionsteilnehmer berechtigte Korrekturen wünschen, werden wir diese im Text umsetzen.

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