„in jeder Akte steckt so wahnsinnig viel Leben“. Zum Vortrag von Annett Gröschner

Allgemein

Anmoderation des Vortrags „Mein grauer Archivkittel“. Gegenwartsliteratur und Archiv der Schriftstellerin und Journalistin Annett Gröschner am 5. Mai 2017:

„Für mich war eigentlich die größte Befreiung nach 1989, dass ich ins Archiv gehen konnte. Und dass ich gucken konnte, was ist eigentlich hinter meinem Rücken passiert. Das Tolle an Archiven ist, dass sie nur äußerlich grau und bürokratisch sind. Und drinnen, in jeder Akte steckt so wahnsinnig viel Leben. Und was für mich wichtig war ist, dieses Leben aus den Akten herauszuholen.“

Diese Sätze von Annett Gröschner in der Sendung „Stilbruch“ des RBB im Mai 2016 (vermittelt über den VdA-Blog) haben uns neugierig gemacht – neugierig auf einen Blick auf Archive und ihre Geheimnisse, wie er uns Berufsarchivaren zumeist wohl nicht mehr gelingt. Daher freuen wir uns sehr, dass wir Sie dafür gewinnen konnten, unsere berufsmüden Augen zu öffnen für neue Perspektiven auf das scheinbar Altbekannte, für das Ungesehene, das uns im Archiv doch täglich umgibt!

Wie sehr Frau Gröschner für diese gewiss nicht leichte Aufgabe prädestiniert ist, werden Sie gleich feststellen, wenn ich Ihnen unsere Gastreferentin kurz vorstelle:

Annett Gröschner wurde 1964 in Magdeburg geboren und lebt seit 1983 in Berlin. Bis 1989 studierte sie Germanistik an der Humboldt-Universität Berlin, arbeitete zwischen 1992 und 1996 für das Prenzlauer Berg Museum und war seit 1994 an zahlreichen Forschungs-, Buch- und Ausstellungsprojekten beteiligt. Seit 1997 ist sie freiberuflich als Schriftstellerin und Journalistin tätig, u.a. für Zeitungen, Netzprojekte und Radiosender. Seit 2015 ist sie auch Gastprofessorin für Kulturjournalismus an der Universität der Künste Berlin.

Annett Gröschner hat für viele ihrer Ausstellungs- und Buchprojekte in Archiven gearbeitet, ich nenne nur ihre Beiträge für ein Buch über die „Geschichte der Gleimstraße in Berlin“ 1998 und den viel beachteten Band „Inventarisierung der Macht. Die Berliner Mauer aus anderer Sicht“, den sie 2016 zusammen mit dem Fotografen Arwed Messmer herausgegeben hat. Für den Roman „Schwebende Lasten“ über eine Magdeburger Kranfahrerin hat sie intensiv im Landesarchiv Sachsen-Anhalt recherchiert. Der Roman soll nächstes Jahr erscheinen und wird – so vermute ich – ein weiteres Zeugnis von Gröschners Beschäftigung auch mit „ostdeutschen Nachwende-Realitäten“.

In vielen ihrer Projekte hat Annett Gröschner das Gespräch mit Zeitzeugen gesucht. Der Literaturwissenschaftler Peter Geist hat in einer Einführung zu ihren Texten festgestellt, dass sie „Archivrecherche und Gespräch … zu einem Grenzgenre zwischen Geschichtsschreibung und Literatur“ geführt hat. Und Peter Böthig bezeichnete sie in seiner Laudatio anlässlich der Verleihung des Erwin-Strittmatter-Preises des Landes Brandenburg als „Archivarin des Alltags, eine Archivarin des Authentischen. Sie bezieht Geschichte auf die Alltagserfahrungen. Dort wo sie gebrochen wird – durch das Wechselspiel widersetzlicher Interessen, oder schlicht durch die Not des Überlebens – dort sucht sie Geschichte auf. Dort findet sie jene beklemmenden und irritierenden Geschichten, die die Geschichte erst ausloten. Und sie lotet tief“.

Anmerkung der Redaktion: Eine kürzende Zusammenfassung des Vortrags von Annett Gröschner würde dem autobiographisch-literarischen Charakter des Textes nicht gerecht. Daher wird davon abgesehen. Gröschners Rückblick auf fast dreißig Jahre Erfahrung mit und in Archiven wird im Tagungsband zum 22. Sächsischen Archivtag erscheinen.

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