Private Familienforschung, Citizen Science und kulturelles Gedächtnis: Das Projekt „Kartei Leipziger Familien“

Archivwahrnehmung, Erschließung, Nutzung
Bericht über den Vortrag von Prof. Dr. Georg Fertig
Dr. Andrea Wettmann stellt Prof. Dr. Georg Fertig als Referenten vor, Foto: Stephan Luther

Georg Fertig, Professor für Wirtschafts- und Sozialgeschichte an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg und ehrenamtlich zweiter Vorsitzender des Vereins für Computergenealogie e. V., thematisierte in seinem Vortrag den Nutzen von Citizen Science für private Forschung und Wissenschaft. Dabei bezog er sich auf ein konkretes Crowdsourcing-Projekt des Vereins für Computergenealogie e. V. (CompGen) in Kooperation mit dem Sächsischen Staatsarchiv. Bei der Beantwortung der Frage „Warum sollte Citizen Science gefördert werden?“ war es dem Referenten besonders wichtig, Vorbehalten aus der Wissenschaft gegenüber „unstudierten“ Leuten entgegenzutreten und den Nutzen für beide Seiten deutlich zu machen.

Der Vortag umfasste drei Kernbereiche:

  1. Kulturelles Gedächtnis? Privatinteresse? Bürgerwissenschaft?
  2. Historische Demographie und Mitmach-Computergenealogie
  3. Das Beispiel Leipzig

Im ersten Bereich ging es um die verschiedenen Motivationen, sich mit Genealogie zu befassen. Da ist zunächst das kulturelle Gedächtnis einer Gesellschaft zu nennen. Es dient der Identifikation mit deren Gegenwart und Vergangenheit, es vermittelt das Gefühl: „Das sind wir.“ Außerdem motiviert das private Interesse, also die Kenntnis über verwandtschaftliche Beziehungen, das Ziehen von Verbindungen. Herr Prof. Fertig brachte das treffend mit dem Satz „Das ist wie Stricken, nur mit Menschen“ auf den Punkt. Die dritte Motivation liegt in den Bürgerwissenschaften bzw. Citizen Science. Hier entwickeln Bürger unter Nutzung eigener „Best-Practices“ gemeinnützig Wissensspeicher und treiben die Umsetzung von „Open Data“ voran.

Im Bereich der wissenschaftlichen Forschung fungiert die Genealogie heute als Hilfswissenschaft. Die durch sie gewonnenen Daten finden beispielsweise Eingang in die Historische Demographie. In diesem Teil des Vortrags riss der Referent die Möglichkeiten an, welche die Genealogie der Forschung bietet. Zwei Beispiele von für die Forschung nutzbare Datenpools sind z. B. Online-Ortsfamilienbücher und weitere Datenbanken auf der Website von CompGen.

Die hier durch verschiedene Projekte zusammengetragenen Daten bieten nicht nur den Familienforschern, sondern auch den Wissenschaftlern verschiedenste Auswertungsmöglichkeiten, wie z. B. im Bereich Lebenserwartungen und Reproduktionsraten. Die „alte“ Ahnenforschung legte den Fokus nicht auf Patenschaften, Nachbarschaften sowie gesellschaftsübergreifende Entwicklungen in der Berufswelt und anderen gesellschaftlichen Bereichen. Stattdessen liegt der Schwerpunkt auf ausgewählten Familien und ausgewählten Bindungen. Die sehr populäre „Mitmach-Computergenealogie“ hat nicht die schwierigen Verknüpfungsprobleme im Auge, um gesellschaftliche Entwicklungen nachzuvollziehen zu können. Ihr Ziel ist es, dem einzelnen Forscher Zugang zu Daten zu ermöglichen. Ein Beispiel dafür ist die über 8,5 Millionen Datensätze umfassende Datenbank zu den Verlustlisten des 1. Weltkriegs. Diese Daten warten noch auf die wissenschaftliche Auswertung.

Erfassungsmaske zum DES-Projekt „Kartei Leipziger Familien“

Im dritten Teil des Vortrags wurde das Crowdsourcing-Projekt des Vereins für Computergenealogie in Kooperation mit dem Sächsischen Staatsarchiv zum Bestand 21959 „Kartei Leipziger Familien“ vorgestellt. Bei diesem anspruchsvollen Projekt ging es um die Verknüpfung von auf 20.000 Karteikarten vermerkten Daten und Informationen zu Leipziger Familien im Zeitraum 16. – 19. Jh. Helga Moritz (1926–2003), eine langjährige Mitarbeiterin der Deutschen Zentralstelle für Genealogie in Leipzig, hatte seit den 1950er Jahren die Tauf- und Traubücher der Leipziger Kirchgemeinden familienweise verkartet und diese Daten den Eintragungen der Ratsleichen- und Bürgerbücher zugeordnet. Im Ergebnis entstand die Kartei, die jetzt zum Kern eines Crowdsourcing-Projekts avancierte.

Nach der Digitalisierung der Kartei durch den Verein stellte dieser die Digitalisate auf seiner Website online, im Folgenden wurden die darauf erfassten Daten durch interessierte Freiwillige in einer vorgegebenen Maske indiziert. Dabei mussten die Personen einer vorgegebenen Rolle zugeordnet (Familienoberhaupt, Ehefrau, Kind, Drittperson) und die entsprechenden personenbezogenen Daten eingetragen werden. Diese Daten werden in eine Graphdatenbank, gedbas4all, überführt und sollen mit anderen Datenbanken, z. B. aus dem Projekt „Altes Leipzig“, abgeglichen und verknüpft werden.

Die nun online recherchierbaren Daten des gerade beendeten Projekts sind bei weitem nicht nur für die Familienforschung von Interesse, sondern wurden z. B. bereits in einer sozialgeschichtlichen Seminararbeit zum Heiratsverhalten von Berufsgruppen in Leipzig ausgewertet.

Fazit: Es stehen im genealogischen Bereich sehr viele Daten zur Verfügung, die ein hohes Analysepotential bergen. Von Prof. Dr. Fertig so zusammengefasst: „Das ist nichts, was nur ein paar Genealogen freut, sondern die Sozialgeschichte wartet auf sowas!“. Die anschließende Frage von Frau Richter-Laugwitz, ob vom Verein für Computergenealogie gewünscht ist, dass die Archive in Eigeninitiative an diesen mit Projektvorschlägen herantreten, wurde eindeutig bejaht. Besonders interessant sind hierbei komplexere Bestände mit Personenbezug.

Vielleicht kommen Bestände Ihres Archivs infrage? Dann nutzen Sie die Chance, die die Zusammenarbeit mit dem Verein Ihnen bietet.

Katrin Heil
Sächsisches Staatsarchiv

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