Crowdsourcing bei der Fotoerschließung – Die Spurensuche des Stasi-Unterlagen-Archivs

Archivwahrnehmung, Erschließung, Öffentlichkeitsarbeit
Bericht über den Vortrag von Norman Kirsten und Andreas Voss, BStU Berlin
Norman Kirsten und Andreas Voss, BStU Berlin, Foto: Stephan Luther

Um Hilfe dabei zu erhalten, „fast 2 Millionen Fotos aus der Tätigkeit des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR aus dem Schattendasein zu holen“, wie Frau Dr. Wettmann in der Anmoderation sagte, rief die Behörde des Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR (BStU) bereits 2011 ein Crowdsourcing-Projekt zur Identifizierung von Fotografien ohne Kontext ins Leben.

Zunächst nannten die Referenten Andreas Voss und Norman Kirsten aus der BStU Zentrale Berlin die drei einschlägigen Gruppen, denen die Fotografien in den Archiven der BStU inhaltlich zuzuordnen sind und führten konkrete Beispiele dazu an:

  1. Beweismittelfotografie, Bsp. Dokumentation einer Republikflucht
  2. Selbstdokumentation, Bsp. Ausbildung von Einsatzkräften beim Wachregiment „Felix Dzierzynski“
  3. Fotografien aus der operativen Arbeit, Bsp. Überwachung Wolf Biermanns

Die überlieferten Fotografien weisen häufig keine oder lediglich rudimentäre Beschriftungen auf den Rückseiten auf, was eine Zuordnung nur vermuten oder unmöglich werden lässt. Um eine eindeutige Identifizierung der abgebildeten Orte und der Urheber der Bilder zu erreichen und den Zweck der Aufnahme klären zu können, beschloss die BStU, Unterstützung in der Öffentlichkeit zu suchen.

Auf der Webseite der Behörde werden Fotografien, die bisher nicht erschlossen werden konnten, mit einer kurzen Beschreibung und den vorhandenen Erschließungsangaben in der Rubrik „Spurensuche“ veröffentlicht. Aktuell steht die Aufnahme eines Fachwerkhofes an einem Waldrand aus dem Jahr 1988 im Fokus des Projekts.

Im Folgenden schilderten die Referenten den Weg des vom ausgewählten Foto angefertigten Digitalisats aus dem Archiv auf die Website der BStU und seine Verlinkung in die sozialen Medien Facebook und Twitter.

Obwohl die Positionierung auf der Website Barrierefreiheit gewährleistet, komfortabler im Gebrauch ist und die Aufmerksamkeit auf andere Fotos in der „Spurensuche“ lenkt, hat die Behörde sich daneben bewusst für eine Präsentation in den sozialen Netzwerken entschieden. Hauptgründe dafür sind die einfachere Rückmeldung über die Kommentarfunktion (das Kontaktformular auf der Website der BStU wird von der Öffentlichkeit nicht genutzt), der Imagegewinn für die BStU und die Gewinnung von Multiplikatoren. Dabei gilt: je größer der Multiplikator, desto mehr Effekt für das Projekt, was besonders nach der Weiterverbreitung über einen Social-Media-Account der Bundesregierung deutlich wurde.

Besonders hilfreich ist es, wenn der Sprung der Objekte der „Spurensuche“ aus dem Netz in die Printmedien gelingt. So werden die Menschen in der betreffenden Region und hier konkret auch die älteren Menschen erreicht, die sich an frühere Gegebenheiten vor Ort erinnern können. Daraus ergeben sich die qualitativ hochwertigsten Rückmeldungen. Einen hohen Stellenwert für die BStU hat die Beantwortung der eingehenden Klärungsvorschläge, um den Helfern ihre Wertschätzung zu zeigen.

Auf die oben beschriebene Weise konnte in den bisher gelaufenen 24 Spurensuchen eine Klärungsquote von 59% erreicht werden, 8% konnten teilweise geklärt werden, 33% blieben ungelöst. Ein beachtlicher Erfolg, der die BStU-Außenstelle Halle dazu ermunterte, anlässlich der Nacht der Museen im Mai 2019 eine Offline-Variante der „Spurensuche“ mit 165 analogen Fotografien zu testen. Diese Idee fand sehr große Resonanz bei den Besuchern, die noch vor Ort 261 Hinweise gaben. Die Berichterstattung über die Veranstaltung in der Presse hatte weitere 135 Rückmeldungen per E-Mail und Telefon zur Folge.

Die (im Anschluss des Beitrags aus dem Publikum nachgefragte) Überprüfung der Korrektheit der durch die Beteiligten gemachten Angaben erfolgt durch gezielte Abfragen in den BStU-Außenstellen vor Ort und über Recherchen auf Google Earth. Außerdem wurde der Arbeitsaufwand für das Projekt nachgefragt, wobei sich herausstellte, dass die „Spurensuche“ ein „Ein-Mann-Betrieb“ ist, der neben der eigentlichen Fotoerschließung mit nicht unerheblichem Aufwand an Arbeitszeit bewältigt wird.

Es bleibt zu wünschen, dass die „Spurensuche“ erfolgreich weiterläuft und Nachahmer findet. In diesem Zusammenhang verwies Frau Dr. Wettmann auf Hinweise zur Durchführung von Crowdsourcing-Projekten aus einem DFG-Projekt auf der Website der Archivschule Marburg.

Katrin Heil
Sächsisches Staatsarchiv

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.